Wie viele Menschen werden im Jahr 2050 in Willich leben? Wie alt werden sie im Durchschnitt sein? Und bedeutet eine sinkende Einwohnerzahl automatisch, dass künftig weniger Wohnungen benötigt werden?
Eine neue StoryMap der NRW.BANK macht die vorausberechnete Entwicklung der Bevölkerung und der Privathaushalte in Nordrhein-Westfalen sichtbar. Grundlage sind aktuelle Berechnungen des Statistischen Landesamtes IT.NRW. Sie zeigen auch für Willich und den Kreis Viersen eine Entwicklung, auf die sich die Politik frühzeitig einstellen muss.
Die wichtigste Erkenntnis lautet: Weniger Einwohner bedeuten nicht automatisch einen entsprechend geringeren Wohnungsbedarf. Entscheidend ist auch, wie viele Haushalte es gibt, wie groß diese sind und welche Wohnungen die Menschen im Alter benötigen.
Willich könnte bis 2050 rund 4.770 Einwohner verlieren
Die aktuelle Bevölkerungsvorausberechnung von IT.NRW beginnt mit dem Bevölkerungsstand zum 31. Dezember 2023. Für Willich werden zu diesem Stichtag 49.509 Einwohnerinnen und Einwohner ausgewiesen. Bis zum 31. Dezember 2050 könnte die Zahl auf 44.739 sinken.
Das wären 4.770 Menschen weniger und entspräche einem Rückgang um 9,6 Prozent.
Für den gesamten Kreis Viersen fällt die Veränderung deutlich geringer aus. Dort rechnet IT.NRW mit einem Rückgang von 297.504 auf 290.477 Einwohnerinnen und Einwohner. Das sind 7.027 Menschen beziehungsweise 2,4 Prozent weniger als im Ausgangsjahr.
Innerhalb des Kreises entwickelt sich die Bevölkerung allerdings sehr unterschiedlich. Für die Stadt Viersen wird beispielsweise ein Anstieg von 77.745 auf 83.042 Einwohnerinnen und Einwohner erwartet. Das entspricht einem Plus von 6,8 Prozent. Die Zahlen für den gesamten Kreis können deshalb nicht einfach auf jede einzelne Stadt oder Gemeinde übertragen werden.
Die auf der Internetseite der Stadt Willich genannte aktuelle Einwohnerzahl liegt etwas höher als der Ausgangswert von IT.NRW. Das ist kein Widerspruch. Die Angaben beziehen sich auf unterschiedliche Stichtage und Datengrundlagen. Für die Vorausberechnung verwendet IT.NRW den Bevölkerungsstand zum 31. Dezember 2023 auf Grundlage des Zensus 2022. Die Stadt Willich weist für März 2026 insgesamt 50.557 Einwohnerinnen und Einwohner aus.
Willich wird älter
Neben der Einwohnerzahl verändert sich die Altersstruktur. Das Durchschnittsalter in Willich lag nach den Daten von IT.NRW im Jahr 2023 bei 46,1 Jahren. Für 2050 werden 48,8 Jahre erwartet. Das wäre ein Anstieg um 2,6 Jahre.
Auch für den Kreis Viersen wird eine weitere Alterung vorausberechnet. Dort steigt das Durchschnittsalter von rund 46,0 auf 48,0 Jahre.
Hinter diesen Durchschnittswerten stehen konkrete Veränderungen. Die geburtenstarken Jahrgänge erreichen nach und nach das Rentenalter. Gleichzeitig sind die nachfolgenden Altersgruppen schwächer besetzt. Für Nordrhein-Westfalen erwartet IT.NRW deshalb weniger Menschen im erwerbsfähigen Alter und zeitweise einen deutlichen Anstieg bei den Hochaltrigen ab 80 Jahren.
Diese Entwicklung betrifft viele Bereiche der kommunalen Politik: den Wohnungsmarkt, die Pflege, die medizinische Versorgung, die Mobilität, den Arbeitsmarkt und die Gestaltung unserer Stadtteile.
Der demografische Wandel ist in Willich bereits sichtbar
Die Vorausberechnung beschreibt einen Zeitraum bis 2050. Die ersten Folgen des demografischen Wandels sind in Willich aber schon heute erkennbar. Besonders deutlich zeigt sich das bei den Geburten und in der Kita-Planung.
Seit 2020 ist die Geburtenziffer in Willich um rund 30 Prozent gesunken. Zuletzt lag sie bei 1,14 Kindern je Frau und damit deutlich unter dem nordrhein-westfälischen Wert von 1,44. Gleichzeitig gingen die Kita-Anmeldungen innerhalb von zwei Jahren von 614 über 482 auf 430 zurück.
Quellen: Landesdatenbank NRW (IT.NRW), Statistisches Bundesamt, Biregio
Die aktualisierte Bedarfsprognose rechnet für 2030 mit einem Überhang von 354 Kita-Plätzen. Noch in der Prognose aus dem Jahr 2022 war für dasselbe Jahr ein Defizit von 13 Plätzen erwartet worden. Die Daten und Hintergründe habe ich in meinem Beitrag über den Geburtenrückgang in Willich ausführlich dargestellt.
Diese Entwicklung hat bereits konkrete politische Entscheidungen ausgelöst. Einrichtungen sollen auslaufen, Gruppenstrukturen angepasst und nicht mehr erforderliche Ausbauvorhaben aufgegeben werden. Insgesamt geht es um einen Abbau von etwa 250 Plätzen. Zugleich wird die Kita Alperhof nicht ersatzlos geschlossen, sondern soll perspektivisch an den Reinershof verlagert werden. Warum ich diese Neuordnung der Kita-Landschaft in Willich trotz der Belastungen für betroffene Familien für notwendig halte, habe ich in einem eigenen Artikel erläutert.
Wichtig ist die Unterscheidung: Diese Entscheidungen beruhen nicht allein auf einer langfristigen Vorausberechnung bis 2050. Grundlage sind die tatsächlich gesunkenen Anmeldezahlen, die aktuelle lokale Bedarfsprognose, vorhandene Überkapazitäten und die finanzielle Lage der Stadt. Gleichzeitig zeigen die Entwicklungen im Kita-Bereich, dass Demografie keine abstrakte Zukunftsfrage ist. Sie verändert schon heute die kommunale Infrastruktur.
Aus weniger Kindern folgt allerdings nicht, dass Willich künftig generell weniger Wohnungen benötigt. Einerseits fehlen weiterhin Wohnungen für Familien. Andererseits steigt der Bedarf an kleineren und barrierearmen Wohnungen, wenn Menschen älter werden und häufiger allein leben. Genau deshalb müssen Kita-Planung, Wohnungsbau und Stadtentwicklung gemeinsam betrachtet werden.
Warum weniger Einwohner nicht automatisch weniger Wohnungen bedeuten
Für den Wohnungsmarkt ist nicht allein die Einwohnerzahl entscheidend. Eine Wohnung wird von einem Haushalt bewohnt. Wenn künftig mehr Menschen allein und weniger Menschen in größeren Familienhaushalten leben, kann die Zahl der benötigten Wohnungen trotz sinkender Bevölkerung nahezu gleich bleiben.
Genau diese Entwicklung zeigt die aktuelle Haushaltsmodellrechnung von IT.NRW für den Kreis Viersen. Im Jahr 2023 gab es dort rechnerisch rund 135.700 Privathaushalte. Für 2050 werden rund 135.300 erwartet. Die Einwohnerzahl könnte im gleichen Zeitraum um 2,4 Prozent sinken, die Zahl der Haushalte aber lediglich um rund 400 beziehungsweise 0,3 Prozent.
Gleichzeitig verschiebt sich die Zusammensetzung deutlich:
- Die Zahl der Einpersonenhaushalte steigt von 43.600 auf 46.600. Das sind 3.000 Haushalte beziehungsweise 6,9 Prozent mehr.
- Die Zahl der Zweipersonenhaushalte sinkt von 53.100 auf 52.100. Das entspricht einem Rückgang um 1,9 Prozent.
- Die Zahl der Dreipersonenhaushalte geht von 19.400 auf 18.000 zurück. Das sind 7,2 Prozent weniger.
- Die Zahl der Haushalte mit vier oder mehr Personen sinkt von 19.600 auf 18.600. Das entspricht einem Minus von 5,1 Prozent.
Die Haushaltsmodellrechnung wird nur für den Kreis Viersen und nicht gesondert für Willich veröffentlicht. Die Prozentwerte dürfen deshalb nicht eins zu eins auf unsere Stadt übertragen werden. Die grundsätzliche Entwicklung ist dennoch für die Willicher Stadtplanung wichtig: Kleine Haushalte gewinnen an Bedeutung, größere Haushalte werden seltener.
Der Wohnungsbedarf verschwindet nicht, er verändert sich
In Willich fehlen bereits heute Wohnungen. Eine Untersuchung des Pestel Instituts kam im Jahr 2023 zu dem Ergebnis, dass die Lücke bei rund 470 Wohneinheiten lag. Zugleich wurde ein weiterhin erheblicher Neubau- und Ersatzbedarf beschrieben. Die Hintergründe zum Wohnungsmangel in Willich habe ich in einem eigenen Beitrag zusammengefasst.
Die neue Bevölkerungsvorausberechnung widerlegt diesen Bedarf nicht. Sie zeigt vielmehr, dass wir genauer betrachten müssen, welche Wohnungen künftig gebraucht werden.
Viele ältere Menschen leben allein oder zu zweit in einem Einfamilienhaus, das früher für eine ganze Familie gebaut wurde. Ein Umzug kommt für sie häufig nur dann infrage, wenn es in der vertrauten Umgebung eine passende Alternative gibt: bezahlbar, barrierearm, nicht zu groß und gut erreichbar. Fehlen solche Angebote, bleiben große Häuser unterbelegt, während junge Familien vergeblich nach geeignetem Wohnraum suchen.
Zusätzliche kleinere Wohnungen können deshalb eine doppelte Wirkung entfalten. Sie schaffen ein passendes Angebot für ältere Menschen und erleichtern zugleich den Generationenwechsel in bestehenden Einfamilienhausgebieten.
Diese Schlussfolgerungen sind für Willich nicht neu. Das städtische Leitbild „Zukunft Wohnen in Willich“ fordert bereits seit 2022 mehr kleine Wohnungen für Singles und Alleinstehende, mit einem besonderen Schwerpunkt auf seniorengerechten Wohnungen. Zugleich sollen mehr preisgünstige Wohnangebote für Familien entstehen.
Als zentrales Instrument nennt das Leitbild den Generationenwechsel innerhalb der Wohnquartiere: Wenn ältere Menschen in ihrer vertrauten Umgebung eine passende Alternative zum zu groß gewordenen Eigenheim finden, können bestehende Häuser wieder von jungen Familien genutzt werden. Damit werden zwei unterschiedliche Bedarfe gleichzeitig berücksichtigt, ohne dafür ausschließlich neue Baugebiete am Stadtrand ausweisen zu müssen.
Das darauf aufbauende Strategiepapier setzt auf Innenentwicklung, die Mobilisierung des Wohnungsbestands und die Auswahl von drei Pilotquartieren. Bemerkenswert ist die eigene Diagnose der Stadt: Der Masterplan Wohnen leide nicht an einem Erkenntnis-, sondern an einem Vollzugsdefizit. Diese Einschätzung ist inzwischen vier Jahre alt. Die neue Bevölkerungsvorausberechnung macht die Umsetzung der bereits formulierten Ziele noch dringlicher.
Was die SPD Willich bereits angestoßen hat
Die Forderungen nach mehr bezahlbaren Wohnungen sind für uns nicht neu. Die SPD Willich hat in den vergangenen Jahren immer wieder konkrete Anträge gestellt. Viele davon fanden keine Mehrheit oder wurden nicht so umgesetzt, wie wir es beabsichtigt hatten. Ein Beispiel zeigt aber auch: Wo ein Antrag beschlossen und anschließend umgesetzt wird, entstehen tatsächlich Wohnungen.
Konkrete Haushaltsanträge statt allgemeiner Absichtserklärungen
Zum Haushalt 2021 haben wir gleich drei Vorschläge vorgelegt. Wir wollten 50.000 Euro als Anschub für eine Willicher Wohnungsbaugenossenschaft bereitstellen. Für die städtebauliche Planung an der Moltkestraße beantragten wir ebenfalls 50.000 Euro, um dort die Voraussetzungen für mehr als 100 bezahlbare Wohnungen zu schaffen. Außerdem schlugen wir ein Förderprogramm vor: Wer eine neue Wohnung für höchstens acht Euro je Quadratmeter vermietet und diese Miete 15 Jahre bindet, sollte einen städtischen Zuschuss erhalten können.
Die Mehrheit ist diesen Vorschlägen nicht vollständig gefolgt. Für die Unterstützung einer Genossenschaft wurden schließlich 10.000 Euro beschlossen. Aus dem Protokoll des Haupt- und Finanzausschusses vom 10. März 2021 geht hervor, dass damit ausdrücklich Menschen zusammengebracht werden sollten, die zur Gründung einer Wohnungsbaugenossenschaft bereit sind.
Noch im Dezember 2022 waren diese Mittel jedoch vollständig ungenutzt. Die Verwaltung verwies nach einem Workshop darauf, dass eine große neue Genossenschaft wirtschaftlich kaum tragfähig sei. Kleinere, auf ein konkretes Bauprojekt bezogene Genossenschaften, möglicherweise mit Unterstützung der GWG, wurden dagegen ausdrücklich als denkbar bezeichnet. Das Geld ist also nicht einfach irgendwo versickert. Der politische Auftrag wurde aber leider nicht so umgesetzt, wie wir ihn beschlossen hatten.
30 geförderte Wohnungen am Diepenbroich
Erfolgreich war unser Antrag, die städtische Wohnungsbauförderung um 200.000 Euro zu erhöhen. Die vorhandenen 270.000 Euro reichten für das geplante Vorhaben am Diepenbroich in Schiefbahn nicht aus. Nach dem Beschluss standen 2023 insgesamt 470.000 Euro zur Verfügung.
Damit konnten drei Mehrfamilienhäuser mit 30 öffentlich geförderten Wohnungen realisiert werden. 23 Wohnungen sind für Haushalte mit Wohnberechtigungsschein A vorgesehen, sieben für die Einkommensgruppe B. Nach Angaben des Projektentwicklers wäre das Vorhaben ohne die zusätzliche Förderung in dieser Form nicht möglich gewesen. Dieses Beispiel zeigt, dass kommunale Politik auch unter schwierigen Bedingungen einen konkreten Unterschied machen kann. Die Hintergründe zum SPD-Antrag und zum Projekt am Diepenbroich haben wir ausführlich dargestellt.
Eine eigene Wohnungsbaugesellschaft bleibt unser Ziel
Seit 2020 fordert die SPD Willich eine städtische Wohnungsbaugesellschaft. Diese Forderung haben wir im Kommunalwahlprogramm 2025 erneuert. Eine solche Gesellschaft könnte Grundstücke entwickeln, Fördermittel nutzen und Wohnungen dauerhaft in öffentlicher Verantwortung halten.
Bei einem städtischen Haushaltsdefizit von deutlich mehr als 20 Millionen Euro wäre es allerdings unseriös, einfach die sofortige Gründung einer vollständig neuen Gesellschaft mit hohem Eigenkapitalbedarf zu versprechen. Deshalb muss jetzt belastbar geprüft werden, welches Modell zu Willich passt: eine eigene Gesellschaft, der Ausbau einer vorhandenen städtischen Struktur, eine engere Zusammenarbeit mit der GWG Kreis Viersen oder ein gemeinsames Modell mit privaten und genossenschaftlichen Partnern. Grevenbroich hat sich beispielsweise gemeinsam mit seiner Stadtentwicklungsgesellschaft und einem privaten Partner auf den Weg gemacht. Willich muss dieses Modell nicht kopieren. Es zeigt aber, dass öffentliche Steuerung nicht zwingend bedeutet, dass eine Kommune alles allein finanzieren muss.
Was wir jetzt konkret tun wollen
Willich benötigt weiterhin kleinere und barrierearme Wohnungen, bezahlbare Angebote für Familien, Auszubildende und Berufseinsteiger sowie neue Wohnformen für ältere Menschen. Diese Wohnungen sollten möglichst in bestehenden Quartieren entstehen, wo Einkaufsmöglichkeiten, medizinische Versorgung, Begegnungsorte und ein verlässlicher öffentlicher Verkehr erreichbar sind.
Darüber besteht inzwischen weitgehend Einigkeit. Das Problem liegt nicht mehr in fehlenden Leitbildern, sondern in der Umsetzung. Deshalb brauchen wir kein weiteres Grundsatzpapier, sondern ein verbindliches Arbeitsprogramm.
Die vorhandene Wohnstrategie in konkrete Projekte übersetzen
Das Strategiepapier sieht vor, drei Wohnquartiere auszuwählen, in denen ein besonderer Handlungsbedarf und ein hohes Potenzial für neue Wohnformen bestehen. Welche Quartiere das sind, ist bislang nicht nachvollziehbar. Deshalb sollte die Verwaltung transparent darlegen, welche Quartiere anhand welcher Kriterien ausgewählt wurden, welche Potenziale dort bestehen und welche Projekte daraus bis wann entstehen sollen. Dazu gehören die Aktivierung von Baulücken, geeignete Nachverdichtungen, der Umbau nicht mehr benötigter Gebäude und neue kleinere Wohnungen für den Generationenwechsel. Grünflächen, Mobilität und soziale Infrastruktur müssen dabei von Anfang an mitgeplant werden.
Jedes Jahr eine ehrliche Wohnungsbaubilanz vorlegen
Auf unsere Anfrage teilte die Verwaltung im Juli 2025 mit, dass seit 2020 insgesamt 773 Wohnungen genehmigt worden waren. Für 99 Wohnungen lag ein Aktenabschluss nach angezeigter Fertigstellung vor. Die Verwaltung wies zugleich darauf hin, dass weitere Wohnungen bereits fertiggestellt oder bezogen sein können, obwohl die Fertigstellung noch nicht ordnungsgemäß angezeigt wurde. Von sich aus berichtet die Verwaltung bislang nicht, wie sich die aktuelle Wohnungsanzahl in der Stadt Willich verändert.
Deshalb wollen wir eine jährliche Wohnungsbaubilanz. Sie soll ausweisen, wie viele Wohnungen genehmigt, begonnen und fertiggestellt wurden, wie viele davon öffentlich gefördert oder barrierearm sind, wie viele Bindungen auslaufen und an welchen wiederkehrenden Hindernissen Projekte scheitern. Nur mit diesen Daten kann die Politik gezielt eingreifen, statt immer neue Ziele zu beschließen.
Städtische Grundstücke für bezahlbares Wohnen einsetzen
Wo die Stadt eigene Grundstücke vergibt, darf nicht allein der höchste Preis entscheiden. Konzeptvergaben und Erbbaurechte können dafür sorgen, dass Bezahlbarkeit, langfristige Bindungen, Barrierearmut und die Bedürfnisse unterschiedlicher Haushalte stärker berücksichtigt werden. Auch bei neuen Baugebieten müssen Mehrfamilienhäuser und öffentlich geförderte Wohnungen verbindlich eingeplant werden. Im Planungsausschuss haben wir deshalb wiederholt nachgehalten, ob der in den jeweiligen Planungen vorgesehene Anteil von 30 Prozent Geschosswohnungsbau tatsächlich berücksichtigt wird. Unsere Vorschläge für eine nachvollziehbare Vergabe städtischer Grundstücke gehen in dieselbe Richtung.
Über das passende Trägermodell entscheiden
Wir wollen in der laufenden Wahlperiode eine belastbare Entscheidungsgrundlage für eine öffentlich gesteuerte Wohnungsbaugesellschaft oder ein vergleichbares Modell. Die Prüfung muss für jede Variante offenlegen, wie viel Eigenkapital benötigt wird, welche finanziellen Risiken bei der Stadt verbleiben, welche Förderprogramme genutzt werden können und wie viele zusätzliche Wohnungen tatsächlich entstehen würden.
Auch die 2021 beschlossene Unterstützung genossenschaftlichen Wohnens gehört wieder auf die Tagesordnung. Statt noch einmal allgemein über eine große neue Genossenschaft zu diskutieren, sollte die Stadt ein geeignetes Grundstück benennen und gezielt nach einer Gruppe für ein erstes projektbezogenes Vorhaben suchen. Dabei kann die Zusammenarbeit mit einem erfahrenen Partner wie der GWG geprüft werden.
Stadt und Kreis stärker zusammenbringen
Der Wohnungsmarkt endet nicht an der Willicher Stadtgrenze. Die mehrheitlich dem Kreis und seinen Kommunen gehörende GWG Kreis Viersen ist deshalb ein wichtiger Partner. Sie plant bis 2028 erhebliche Investitionen in Neubau und Modernisierung. Gleichzeitig laufen im Kreis in den kommenden Jahren viele bestehende Sozialbindungen aus, während die Mittel des Landes für neue Förderzusagen nicht ausreichen.
Als Vorsitzender der SPD im Kreis Viersen will ich dieses Thema gemeinsam mit unserer Kreistagsfraktion vorantreiben. Wir brauchen eine kreisweite Übersicht über auslaufende Bindungen, geplante Neubauten, geeignete kommunale Grundstücke und den tatsächlichen Fördermittelbedarf. Gegenüber dem Land Nordrhein-Westfalen müssen wir auf eine verlässliche und auskömmliche Wohnraumförderung drängen. Im Kreis selbst sollten wir prüfen, wie die GWG noch gezielter für öffentlich geförderten und barrierearmen Wohnungsbau eingesetzt werden kann.
Auch der Arbeitsmarkt und die kommunale Infrastruktur verändern sich
Der demografische Wandel ist mehr als eine Frage des Wohnens. Wenn die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter zurückgeht, verschärft sich der Wettbewerb um Fachkräfte. Für Willich als bedeutenden Wirtschaftsstandort wird es deshalb wichtiger, Beschäftigten attraktive Wohnmöglichkeiten, gute Betreuungsangebote, verlässliche Mobilität und ein lebenswertes Umfeld zu bieten.
Auch Kitas, Schulen, Sportanlagen und andere öffentliche Einrichtungen müssen langfristig geplant werden. Für konkrete Entscheidungen reicht eine landesweite Vorausberechnung bis 2050 allein nicht aus. Maßgeblich sind aktuelle Anmeldezahlen, die tatsächliche Entwicklung einzelner Jahrgänge, der bauliche Zustand und die Kosten der Einrichtungen sowie die Situation in den einzelnen Stadtteilen. Im Kita-Bereich zeigen die neuen Willicher Daten bereits einen klaren Anpassungsbedarf. Trotzdem muss die Entwicklung regelmäßig überprüft werden, damit Politik und Verwaltung bei veränderten Wanderungsbewegungen, neuen Wohngebieten oder wieder steigenden Geburtenzahlen rechtzeitig nachsteuern können.
Gleichzeitig müssen Angebote für ältere Menschen ausgebaut werden. Dazu gehören barrierefreie Wege, wohnortnahe Beratung, gute Pflegeangebote, Begegnungsmöglichkeiten und eine Mobilität, die auch ohne eigenes Auto funktioniert.
Eine Vorausberechnung ist keine sichere Vorhersage
Die Zahlen von IT.NRW beschreiben eine mögliche Entwicklung unter bestimmten Annahmen. Sie sind keine exakte Vorhersage für das Jahr 2050.
Die Bevölkerungsvorausberechnung berücksichtigt Annahmen zu Geburten, Sterbefällen sowie Zu- und Fortzügen. Gerade Wanderungsbewegungen können sich durch wirtschaftliche Entwicklungen, Kriege, politische Entscheidungen oder neue Wohnungsangebote deutlich verändern. Auch die Haushaltsmodellrechnung arbeitet mit konstant gehaltenen Quoten auf Grundlage des Mikrozensus. IT.NRW bezeichnet die Ergebnisse deshalb ausdrücklich als Wenn-dann-Aussagen.
Hinzu kommt: Kommunalpolitik kann die Entwicklung zumindest teilweise beeinflussen. Wenn Willich bezahlbaren Wohnraum schafft, Familien gute Bedingungen bietet, Fachkräfte gewinnt und für ältere Menschen lebenswert bleibt, kann sich die tatsächliche Einwohnerentwicklung günstiger darstellen. Umgekehrt verstärkt fehlender Wohnraum die Abwanderung.
Die neue Prognose ist deshalb kein Grund für Resignation. Sie ist ein Auftrag, früher und gezielter zu handeln.
Mein Fazit
Willich könnte bis 2050 weniger Einwohner haben und zugleich deutlich älter werden. Trotzdem spricht vieles dagegen, den Wohnungsbau zurückzufahren. Die Zahl der Haushalte im Kreis Viersen bleibt nach der aktuellen Modellrechnung fast stabil, während Einpersonenhaushalte deutlich zunehmen.
Wir brauchen deshalb nicht einfach möglichst viele Wohnungen, sondern die richtigen: kleiner, bezahlbar, barrierearm und gut in die bestehenden Stadtteile eingebunden. Gleichzeitig müssen genügend Wohnungen für Familien entstehen und bestehende Häuser besser genutzt werden.
Die SPD Willich hat dafür in den vergangenen Jahren konkrete Vorschläge vorgelegt. Das Projekt am Diepenbroich zeigt, was möglich ist, wenn ein Antrag beschlossen und konsequent umgesetzt wird. Andere Initiativen zeigen zugleich, dass ein Haushaltsbeschluss allein noch keine Wohnung schafft.
Deshalb will ich den Schwerpunkt jetzt auf die Umsetzung legen: eine transparente Wohnungsbaubilanz, verbindliche Projekte aus der vorhandenen Strategie, eine soziale Bodenpolitik und eine tragfähige Entscheidung über eine öffentlich gesteuerte Wohnungsbaugesellschaft oder ein vergleichbares Modell. Auf Kreisebene müssen wir die GWG stärker einbeziehen und gegenüber dem Land für ausreichende Fördermittel kämpfen.
Der demografische Wandel kommt nicht plötzlich im Jahr 2050. Er findet bereits statt. Die Ziele sind beschrieben. Jetzt müssen Stadt, Kreis und Land ihren Teil dazu beitragen, dass tatsächlich die Wohnungen entstehen, die die Menschen benötigen.
Quellen und weiterführende Informationen
- NRW.BANK: StoryMap „Demografische Zukunft“
- IT.NRW: Bevölkerungsvorausberechnung für NRW 2024 bis 2050/2070
- IT.NRW: Haushaltsmodellrechnung für NRW 2025 bis 2050/2070
- Stadt Willich: Zahlen, Daten, Fakten
- Stadt Willich: Leitbild „Zukunft Wohnen in Willich“
- Stadt Willich: Strategie „Zukunft Wohnen in Willich“
- SPD Willich: Haushaltsanträge zum Wohnungsbau 2021
- Stadt Willich: Niederschrift des Haupt- und Finanzausschusses vom 10. März 2021
- SPD Willich: Mehr bezahlbarer Wohnraum am Diepenbroich
- SPD Willich: 773 Wohnungen genehmigt, 99 Akten nach Fertigstellungsanzeige abgeschlossen
- SPD Willich: Kommunalwahlprogramm 2025 mit dem Ziel einer städtischen Wohnungsbaugesellschaft
- Stadt Willich: Niederschrift des Planungsausschusses vom 23. September 2025
- GWG Kreis Viersen: Unternehmensgeschichte und Gesellschafter
- GWG Kreis Viersen: Geschäftsbericht 2024
