Kaum ein Thema berührt Familien in Willich aktuell so wie die angekündigten Kita-Schließungen. Wenn Kitas schließen, wenn Träger auslaufen, wenn ein geplanter Neubau nicht am bisherigen Ort entsteht, dann geht es nicht nur um Zahlen. Dann geht es um Wege im Alltag, um Verlässlichkeit, um gewachsene Bindungen und um das Gefühl, ob der eigene Stadtteil noch mitgedacht wird.
Genau deshalb verstehe ich sehr gut, warum die aktuellen Entscheidungen in Willich viele Eltern verunsichern und manche auch wütend machen. Die offenen Briefe aus dem Umfeld der Kita Alperhof zeigen das sehr deutlich. Dort ist von Planungsunsicherheit, von Sorge um die Familien im Norden und Nordosten der Stadt und von der Angst die Rede, dass ein vertrauter Standort verloren geht. Auch aus der Villa Kunterbunt kam deutlicher Unmut. Diese Reaktionen sind menschlich nachvollziehbar.
In ihrem offenen Brief erinnern Förderverein und Elternvertretung der Kita Alperhof die Ratsmitglieder an einen wichtigen Maßstab politischen Handelns:
„Einer gewissenhaften Mandatsausübung und dem Gemeinwohl sind Sie verpflichtet.“
Das stimmt. Deshalb sage ich: Wer Verantwortung trägt, muss die ganze Stadt im Blick haben und manchmal unpopuläre Entscheidungen treffen. Aber er muss sie sauber begründen und fair und transparent umsetzen.
Inhaltsverzeichnis
ToggleKomplett veränderte Rahmenbedingungen zwingen zum Handeln
Ich bin überzeugt: Politik und Verwaltung mussten jetzt handeln. Nicht, weil Familien unwichtig wären. Sondern gerade weil wir für die ganze Stadt verantwortlich sind und mit öffentlichem Geld sorgfältig umgehen müssen. Die Beschlusslage ist inzwischen klar. Der Jugendhilfeausschuss hat am 26.02.2026 zwei Maßnahmenpakete empfohlen. Eines dieser Pakete wurde direkt im öffentlichen Teil der Ausschusssitzung beraten und verabschiedet. Dazu habe ich Ende Februar bereits einen Artikel veröffentlicht:

Der zweite Teil wurde zunächst nichtöffentlich beraten und beschlossen. Im Haupt- und Finanzausschuss haben wir am 10.03.2026 dann entschieden, diese Punkte öffentlich zu machen. Dieses zweite Maßnahmenpaket gibt im Kern vier Richtungen vor:
- Die Gespräche zum Auslaufen der Kita St. Irmgardis sollen mit dem Ziel einer Schließung zum Ende des Kitajahres 2026/2027 fortgeführt werden. Gleichzeitig soll für die Villa Kunterbunt ab 2027/2028 das Gebäude Alt-Bullerbü beziehungsweise St. Irmgardis angemietet werden.
- Für das AWO-Blaue Haus in Schiefbahn soll der freiwillige Zuschuss letztmalig bis zum 31.07.2027 verlängert und dann das Auslaufen vorbereitet werden.
- Das Brückenprojekt „Schatzkiste“ soll zum 31.07.2026 enden.
- Der Neubau der Kita Alperhof am bisherigen Standort soll nicht weiterverfolgt werden und das Mehrgenerationenprojekt Reinershof soll als einziges verbleibendes Kita-Neubauprojekt weiterlaufen.
Jugendhilfe- und Haupt- und Finanzausschuss empfahlen diese Schritte einstimmig. Wichtig ist: Das ist kein blindes Schließungsprogramm. Es ist eine Neuordnung. Und diese Neuordnung hat einen harten, aber nachvollziehbaren Hintergrund, wie allein schon der Blick auf die Geburtenrate verrät.
Quellen: Landesdatenbank NRW (IT.NRW), Statistisches Bundesamt, Biregio
Was die einzelnen Entscheidungen konkret bedeuten
Die Kita Villa Kunterbunt sollte eigentlich einen Neubau als Teil des Mehrgenerationenprojektes Reinershof bekommen, die Kita Alperhof einen Neubau an ihrem bisherigen Standort. Angesichts der deutlich veränderten Bedarfslage und der massiv veränderten Rahmenbedingungen wäre es aus meiner Sicht politisch nicht mehr verantwortbar, weiterhin zwei Neubauten für städtische Kindertageseinrichtungen zu planen. Genau an diesem Punkt liegt der Kern der politischen Entscheidung.
St. Irmgardis: Weniger Bedarf, hohe Kosten, neue Nutzung für Villa Kunterbunt
Besonders sichtbar wird das am Beispiel St. Irmgardis. Dort war ursprünglich einmal ein viergruppiger Ausbau vorgesehen. Tatsächlich konnte die Einrichtung wegen Fachkräftemangels bislang nur auf maximal 1,5 Gruppen ausgebaut werden. Gleichzeitig schreibt die Verwaltung, für die ursprünglich geplante Platzzahl bestehe inzwischen kein Bedarf mehr. Im Ortsteil Alt-Willich gebe es sogar einen großen Platzüberhang. Würde St. Irmgardis auslaufen, würden dort 30 Plätze abgebaut und ein freiwilliger Mietkostenzuschuss von gut 70.000 Euro pro Jahr entfallen.
Blaues Haus: Freiwilliger Zuschuss läuft aus
Auch beim Blauen Haus ist die Lage eindeutig beschrieben. Die eingruppige AWO-Kita soll nur noch bis zum 31.07.2027 bezuschusst werden. Danach soll sie auslaufen. Damit würden 25 Plätze in Schiefbahn abgebaut, gleichzeitig entfiele ein freiwilliger Zuschuss von rund 125.000 Euro pro Jahr. Die Verwaltung spricht bereits von einer möglichen einvernehmlichen Lösung mit dem Träger.
Schatzkiste: Das Brückenprojekt soll beendet werden
Hinzu kommt das Brückenprojekt „Schatzkiste“. Auch dort will die Stadt keine weiteren Mittel über den 31.07.2026 hinaus bereitstellen. Der Wegfall der besonderen Integrations- und Beratungsleistungen werde, so die Vorlage, in Kauf genommen. Die Betreuungsplätze sollen künftig im regulären Kita-System aufgefangen werden. Der städtische Zuschuss von zuletzt 107.000 Euro jährlich würde entfallen. Insgesamt würden die genannten Maßnahmen zusammen mit den bereits öffentlich dargestellten Schritten stadtweit zu einem Abbau von etwa 250 Plätzen führen.
Alperhof: Warum der Neubau nicht an der Pasteurstraße kommt
Gerade beim Alperhof ist die Diskussion emotional besonders aufgeladen. Das verstehe ich. Denn dort geht es nicht nur um eine Zahl im Haushaltsplan, sondern um einen vertrauten Standort im Willicher Norden. Zugleich hält die Verwaltung in ihrer Vorlage fest, dass für die Einrichtung aus statischen Gründen ohnehin eine neue Unterbringung erforderlich ist. Das Gebäude ist inzwischen abgängig.

Kita Alperhof wird an den Reinershof verlagert
Aus Verwaltungssicht soll der Neubau deshalb nicht mehr am bisherigen Standort verfolgt, sondern auf den Reinershof konzentriert werden. Dort könne die künftige Kita sowohl das bisherige Einzugsgebiet des Alperhofs als auch mehrere geplante Neubaugebiete im nördlichen Teil von Alt-Willich abdecken. Die von der Rechtsprechung definierten Kriterien der Erreichbarkeit seien auch für Familien aus dem äußersten Norden noch erfüllt: Genannt werden sechs bis zehn Minuten mit Auto oder Bus. Nach Fertigstellung soll die Kita Alperhof dort untergebracht werden. Bis dahin ist laut Vorlage eine Interimslösung in den weitergemieteten Räumen der ehemaligen Kita Traumland vorgesehen.
Chance statt Stillstand: Was auf der Alperhof-Fläche entstehen könnte
Gerade weil der Verzicht auf einen Neubau am bisherigen Alperhof-Standort für viele Familien schmerzhaft ist, stellt sich auch die Frage, was dort stattdessen entstehen sollte. Aus meiner Sicht darf die Fläche nicht ungenutzt bleiben.
Man kann diese Abwägung kritisieren. Und selbstverständlich wird sie für einzelne Familien eine Verschlechterung bedeuten. Politisch musste deshalb die Frage beantwortet werden, ob Willich sich in der jetzigen Lage zwei städtische Neubauten gleichzeitig noch leisten und vor allem sachlich mit einem tatsächlichen Bedarf begründen kann. Die Verwaltung beantwortet diese Frage mit Nein.
Und ehrlich gesagt: Angesichts der veränderten Nachfrage, der Überkapazitäten und der Haushaltslage ist diese Antwort nachvollziehbar. Es wäre schwer vermittelbar gewesen, an zwei Vollneubauten festzuhalten, obwohl gleichzeitig bestehende, zuletzt nicht ausgelastete und bereits modernisierte Gebäude vorhanden sind. Genau deshalb soll die Villa Kunterbunt künftig nicht in einen Neubau am Reinershof ziehen, sondern in das deutlich größere und modernisierte Gebäude St. Irmgardis/Alt-Bullerbü, um dort endlich ein zeitgemäßes Angebot mit Mittagessen und Ganztagsbetrieb aufbauen zu können.
Doch in dieser Veränderung liegt auch eine Chance. Wenn der Alperhof-Standort künftig nicht mehr für eine Kita gebraucht wird, darf die Fläche nicht einfach ungenutzt bleiben. Aus meiner Sicht sollte dort bezahlbarer Wohnraum entstehen – in Form maßvoller Geschosswohnungen, die sich in die bestehende Nachbarschaft einfügen. Der Bedarf ist da.
Nach einer Analyse des Pestel-Instituts fehlen in Willich hunderte Wohnungen. Gleichzeitig kommt der Neubau nur schleppend voran, die Zahl öffentlich geförderter Wohnungen sinkt seit Jahren und 2025 wurden gerade einmal 30 neue Wohnungen bezugsfertig. Zugleich laufen immer wieder Sozialbindungen aus, sodass sich der Bestand an bezahlbarem Wohnraum kaum erhöht. Wer also ernsthaft etwas gegen den Wohnraummangel tun will, muss jede geeignete Fläche klug nutzen. Der bisherige Alperhof-Standort könnte genau so eine Fläche sein und damit aus einer schmerzhaften Entscheidung wenigstens auch ein neuer Impuls für junge Familien und bezahlbares Wohnen in Willich entstehen.
Wo ist eigentlich der Bürgermeister in dieser Debatte?
Auffällig ist allerdings, dass Bürgermeister Christian Pakusch mal wieder in der gesamten öffentlichen Darstellung dieser Entwicklung bislang nicht vorkommt. Dabei geht es hier längst nicht mehr um eine bloße Fachfrage der Jugendhilfeverwaltung, sondern um eine grundlegende Richtungsentscheidung für die Stadt Willich.
Wenn Kitas geschlossen, Neubauplanungen verändert und Strukturen dauerhaft umgebaut werden, dann ist das auch eine Frage politischer und administrativer Führung. Die zuständige Beigeordnete erklärt die Details, die Politik trifft die Beschlüsse – aber der Bürgermeister ist und bleibt der Chef der Verwaltung. Solche Vorschläge entstehen nicht im luftleeren Raum. Gerade deshalb wäre es aus meiner Sicht richtig und notwendig, wenn Christian Pakusch diese Entwicklung auch selbst öffentlich einordnet: Wie konnte die Lage so kippen, welche Schlüsse zieht die Verwaltung daraus und welche Gesamtstrategie gibt es für Willich?
Wer an der Spitze der Verwaltung steht, trägt nicht nur Verantwortung für angenehme Projekte, sondern auch für unbequeme Einschnitte.
Fazit: Harte Entscheidungen müssen fair umgesetzt werden
Mein Eindruck ist deshalb klar: Die Entscheidungen sind hart, aber notwendig. Wer sie ehrlich und objektiv bewertet, muss zwei Dinge gleichzeitig sagen können.
Erstens: Ja, für betroffene Eltern sind diese Schritte schmerzhaft, und die Kommunikation der Stadt hätte an manchen Stellen sicherlich früher, klarer und sensibler sein können.
Zweitens: Nein, die Politik durfte die Augen vor der neuen Realität nicht verschließen. Wenn weniger Plätze gebraucht werden, wenn modernisierte Gebäude nicht ausgelastet sind, wenn freiwillige Zuschüsse in erheblicher Höhe gezahlt werden und wenn zwei städtische Neubauten gleichzeitig nicht mehr plausibel zu rechtfertigen sind, dann ist Nichtstun keine verantwortungsvolle Alternative.
Die eigentliche Aufgabe beginnt jetzt erst. Wenn der Rat dieses Paket am 24.03.2026 final beschließt, dann muss die Stadt drei Dinge liefern: erstens Verlässlichkeit für Familien und Beschäftigte, zweitens einen klaren und transparenten Zeitplan für die Übergänge und drittens eine regelmäßige öffentliche Berichterstattung darüber, ob die neue Struktur tatsächlich trägt. Wer Schließungen und Verlagerungen beschließt, muss auch beweisen, dass er die Folgen im Griff hat.
Nur dann wird aus einer schmerzhaften, aber notwendigen Entscheidung am Ende eine verantwortliche Politik für die ganze Stadt.
FAQ
Die Bedarfslage hat sich in kurzer Zeit grundlegend verändert. Die Geburtenzahlen sind deutlich gesunken, gleichzeitig gibt es inzwischen Überkapazitäten bei den Kita-Plätzen. Hinzu kommen Fachkräftemangel und die angespannte Haushaltslage der Stadt. Politik und Verwaltung mussten deshalb prüfen, welche Strukturen langfristig noch tragfähig und finanzierbar sind.
Nach der aktuellen Beschlusslage beziehungsweise den Empfehlungen aus den Ausschüssen betrifft das die Kita St. Irmgardis, die AWO-Kita „Blaues Haus“ in Schiefbahn, das Brückenprojekt „Schatzkiste“ sowie die Neubauplanung für die Kita Alperhof. Gleichzeitig soll die Villa Kunterbunt perspektivisch in das Gebäude St. Irmgardis beziehungsweise Alt-Bullerbü umziehen.
Die Kita Alperhof soll nicht ersatzlos wegfallen. Der bisherige Standort an der Pasteurstraße soll allerdings nicht neu bebaut werden. Stattdessen ist vorgesehen, die Kita künftig am Reinershof unterzubringen. Bis dahin ist eine Interimslösung in den ehemaligen Räumen der Kita Traumland vorgesehen.
Die Stadt begründet das mit der veränderten Bedarfslage und der Haushaltslage. Zwei städtische Kita-Neubauten gleichzeitig gelten nach der aktuellen Einschätzung der Verwaltung nicht mehr als sachlich vertretbar. Deshalb soll nur noch ein Neubauprojekt weiterverfolgt werden – und das am Reinershof.
Nein! Es geht um eine Kombination aus sinkendem Bedarf, Fachkräftemangel, nicht mehr ausgelasteten Einrichtungen und hohen freiwilligen Zuschüssen. Die Stadt versucht deshalb, ihre Kita-Struktur neu zu ordnen, statt an alten Planungen festzuhalten.
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