Siedlerallee in Schiefbahn im August 2026

Fahrradstraße an der Siedlerallee: Warum der Stopp richtig war

Der Straßenraum der Siedlerallee in Schiefbahn ist weitgehend versiegelt. Es gibt kaum öffentliche Grünflächen und bei außergewöhnlichem Starkregen kann sich Wasser auf der Straße stauen. Auch für den Radverkehr ist die Situation nicht ideal. Die parallel verlaufende Hochstraße ist als Landesstraße stark belastet und bietet nur begrenzte Möglichkeiten für Verbesserungen.

Trotzdem war es richtig, dass der Rat der Stadt Willich die geplante Interessensbekundung für ein Kombinationsprojekt aus Fahrradstraße und Schwammstadt mehrheitlich abgelehnt hat. Aus Sicht der SPD-Fraktion braucht Willich mehr Klimakrisenanpassung und bessere Radwege. Aber ein Projekt dieser Größenordnung darf nicht weiterverfolgt werden, bevor Kosten, technische Machbarkeit, Folgekosten und der tatsächliche Nutzen belastbar geklärt sind.

Was war an der Siedlerallee geplant?

Die Verwaltung wollte die Siedlerallee einschließlich eines Abschnitts der Blumenstraße als Pilotprojekt umgestalten. Vorgesehen war eine Kombination aus Schwammstadt und Fahrradstraße.

Zum Schwammstadt-Teil gehörten unter anderem eine begrünte Oberflächenrinne für Regenwasser, Baum- und Staudenbeete, neue Straßenbäume sowie weniger versiegelte Flächen. Nach der Projektskizze sollten etwa 15 bis 20 klimaangepasste Straßenbäume und rund 500 Quadratmeter zusätzliche begrünte Fläche im öffentlichen Straßenraum entstehen. Die Zahl der öffentlichen Parkmöglichkeiten sollte deutlich reduziert werden mit Verweis auf den Jahnplatz. Allerdings stehen dort eigentlich auch immer sehr viele Wohnmobile.

Die Siedlerallee in Schiefbahn, Blick Richtung Jahnplatz

Gleichzeitig sollte die Siedlerallee als Fahrradstraße ausgewiesen werden. Sie sollte eine attraktivere Verbindung zwischen Hochstraße, Linsellesstraße und dem Radknotenpunktnetz ermöglichen. Die Hochstraße bleibt zwar die wichtigere Verbindung, ist aber wegen ihrer engen räumlichen Verhältnisse, des Verkehrs und der Zuständigkeit von Straßen.NRW nur schwer grundlegend umzubauen.

Das Konzept hatte also einen nachvollziehbaren Kern. Es ging nicht um ein kosmetisches Prestigeprojekt, sondern um die Verbindung von Regenwasserrückhalt, Begrünung und sicherer Mobilität.

Die Probleme an der Siedlerallee sind real

Wer die Straße kennt, sieht schnell, warum die Verwaltung sie ausgewählt hat. Der Straßenraum ist überwiegend asphaltiert oder gepflastert. Öffentliche Bäume gibt es praktisch nicht. Regenwasser wird bisher vollständig in den Mischwasserkanal geleitet.

Die Starkregengefahrenkarte zeigt für ein außergewöhnliches Regenereignis Wasseransammlungen auf der gesamten Länge der Siedlerallee. Am westlichen Ende könnten nach den Angaben der Verwaltung Wasserstände von bis zu 26 Zentimetern auftreten.

Auch die Idee einer besseren Radverbindung ist nicht abwegig. In einer Zählung aus dem Jahr 2022 wurden auf der Siedlerallee 333 Radfahrende pro Tag erfasst. Die Daten sind allerdings nur eingeschränkt aussagekräftig, weil die Hochstraße während des Erhebungszeitraums zeitweise gesperrt war und Verkehr über die Siedlerallee umgeleitet wurde. Die Verwaltung selbst wollte deshalb zunächst neue Zählungen durchführen.

Genau hier liegt ein wichtiger Punkt: Ein reales Problem ist noch keine ausreichende Grundlage für ein Projekt, dessen Finanzvolumen nach den Förderbedingungen mindestens im mittleren sechsstelligen Bereich gelegen hätte. Gute Kommunalpolitik muss beides zusammenbringen: Handlungsbedarf erkennen und trotzdem nur dann Geld und Personal binden, wenn die Entscheidung fachlich und finanziell tragfähig ist.

Fördermittel sind kein kostenloses Projekt

Für die Maßnahme sollte zunächst eine Interessensbekundung im Bundesprogramm „Anpassung urbaner und ländlicher Räume an den Klimawandel“ eingereicht werden. Die Förderung hätte bis zu 80 Prozent der zuwendungsfähigen Ausgaben betragen können.

Das klingt zunächst attraktiv. Es wird aber häufig übersehen, dass Fördermittel kein kostenloses Projekt schaffen. Nach der Vorlage lag die Mindestzuwendung bei 500.000 Euro. Bei einer Förderquote von 80 Prozent hätte das förderfähige Projekt also mindestens ein Volumen von 625.000 Euro erreichen müssen. Der städtische Eigenanteil hätte damit bei mindestens 125.000 Euro gelegen. Hinzugekommen wären mögliche nicht förderfähige Kosten sowie spätere Aufwendungen für Pflege, Unterhaltung und Erneuerung.

Eine belastbare Kostenschätzung gab es zu diesem Zeitpunkt ausdrücklich noch nicht. Es fehlten unter anderem ein Bestandsaufmaß, ein Bodengutachten, hydraulische Berechnungen und eine abgestimmte Entwurfsplanung. Auch die Frage, ob und wie das Wasser von der Verkehrsfläche dauerhaft versickern darf, sollte erst im weiteren Verfahren geklärt werden.

Das ist kein Vorwurf an die Verwaltung. Für eine frühe Förder-Idee ist es normal, dass noch nicht jedes Detail feststeht. Es ist aber ein guter Grund, in einer angespannten Haushaltslage keine weiteren personellen und finanziellen Ressourcen zu binden, bevor die Grundlagen vorliegen.

Warum die Entscheidung des Rates richtig war

Im Planungsausschuss am 30. Juni 2026 hat sich die SPD-Fraktion enthalten. Das war aus unserer Sicht die richtige Haltung: Das Ziel von mehr Begrünung, besserem Regenwassermanagement und sicherem Radverkehr ist sinnvoll. Die vorgelegten Informationen reichten aber nicht aus, um den nächsten Schritt ohne Vorbehalte mitzutragen.

Der Rat hat die Interessensbekundung am 9. Juli 2026 anschließend mehrheitlich abgelehnt. Damit wurde kein fertig geplantes Bauvorhaben gestoppt. Es wurde verhindert, dass Willich in ein aufwendigeres Förder- und Planungsverfahren für ein damals noch nicht belastbar kalkuliertes Großprojekt einsteigt.

Diese Unterscheidung ist wichtig. Niemand sollte so tun, als habe der Rat gegen Klimaschutz oder gegen das Fahrrad entschieden. Der Rat hat eine Prioritätensetzung getroffen. Willich muss gleichzeitig Straßen, Kanäle, Gebäude und andere Infrastruktur instand halten. Der Investitionsbedarf ist groß. Förderprogramme können dabei helfen, aber sie ersetzen keine solide Finanzplanung.

Blick in Richtung Westen, rechts der Jahnplatz

Was aus der Entscheidung folgt

Mit der Ablehnung der Interessensbekundung hat der Rat keine Umgestaltung für die Siedlerallee beauftragt. Das ist folgerichtig. Wann dort künftig Maßnahmen erforderlich werden, muss im regulären Programm für Straßen- und Kanalsanierungen entschieden werden. Dieses wird einmal im Jahr verabschiedet.

Dabei müssen die Starkregengefährdung, der Zustand der Straße, die technische Wirksamkeit möglicher Maßnahmen und die Kosten mit anderen notwendigen Investitionen im Stadtgebiet verglichen werden. Die Siedlerallee werden wir dabei nicht vergessen. Eine vollständige Umgestaltung wäre aber erst dann verantwortbar, wenn Nutzen, Kosten und Priorität belastbar feststehen.

Klimaanpassung braucht Prioritäten, nicht Schlagworte

Die Siedlerallee zeigt beispielhaft, wie schwierig kommunale Entscheidungen geworden sind. Das Wort Schwammstadt beschreibt einen richtigen Ansatz: Regenwasser vor Ort zurückhalten, Grün stärken und die Folgen von Hitze sowie Starkregen abmildern. Auch bessere Bedingungen für den Radverkehr bleiben ein wichtiges Ziel.

Aber aus einem guten Ziel folgt nicht automatisch, dass jedes vorgeschlagene Projekt zum richtigen Zeitpunkt umgesetzt werden muss. Als verantwortliche Politik müssen wir stets fragen: Was bringt die Maßnahme konkret? Was kostet sie insgesamt? Was bleibt dauerhaft an Pflege und Unterhaltung? Und welche anderen Investitionen können deshalb nicht oder später erfolgen?

Der Rat hat mit der Ablehnung der Interessensbekundung die richtige Konsequenz gezogen. Wir sollten die Siedlerallee nicht vergessen. Aber wir sollten sie erst dann grundlegend umbauen, wenn Nutzen, Kosten und Priorität im städtischen Haushalt nachvollziehbar zusammenpassen.

Quellen und weiterführende Informationen

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