AfD in den Epstein-Akten: Was steckt hinter dem „French Media Blitz“?

Hintergrund: Bannon, Epstein und die Chatnachrichten

Ende 2025 veröffentlichte der US-Kongress tausende Seiten an Dokumenten aus dem Nachlass des verurteilten Sexualstraftäters Jeffrey Epstein. Darunter fanden sich auch zahlreiche Chatnachrichten zwischen Steve Bannon und Epstein, die Einblicke in Bannons politische Aktivitäten nach seinem Aus im Weißen Haus liefern. Bannon – einst Chefstratege von Donald Trump und Vordenker der amerikanischen Alt-Right – blieb nach 2017 ein aktiver MAGA-Influencer und baute internationale Kontakte auf.

Aus den Chats wird deutlich, dass Bannon und Epstein sich austauschten, wie man Bannons rechtspopulistische Agenda weltweit voranbringen könne. In diesem Kontext taucht auch eine brisante Nachricht auf, in der Bannon einen Zusammenhang zwischen einer eigenen Medienoffensive und dem Abschneiden der AfD in Deutschland herstellt.

Die fragliche Bannon-Textnachricht

In einer iMessage vom 24. Mai 2019 schrieb Steve Bannon an Epstein sinngemäß: „1.5% increase since my French media blitz“ – also ein Plus von 1,5 Prozentpunkten seit meiner „französischen Medienoffensive“. Unmittelbar darauf ergänzte er: „Merkel thrown out Monday; AfD 12 to 13“ – Merkel wird am Montag gestürzt; AfD von 12 auf 13. Bannon brüstete sich hier offenbar, dass seine Medienkampagne in Frankreich unmittelbare politische Auswirkungen gehabt habe: Ein Zuwachs der AfD in Umfragen von 12 auf 13  %.

Quelle/Screenshot: https://www.justice.gov/epstein/files

Er spekulierte sogar, die deutsche Kanzlerin Angela Merkel könnte am folgenden Montag „gestürzt“ werden. Diese Aussagen fielen kurz vor der Europawahl 2019 – einer Zeit, in der Europas rechte Parteien auf dem Vormarsch waren und Bannon in europäischen Hauptstädten auftauchte, um sie zu unterstützen.

Diese Chatnachricht ist bemerkenswert. Sie legt nahe, dass Bannon glaubte, mit gezielter Medienarbeit über Ländergrenzen hinweg Einfluss auf die öffentliche Meinung in Deutschland genommen zu haben. Konkret spricht er von einem „French media blitz“. Also von einer konzentrierten Medienoffensive in Frankreich, die scheinbar einen messbaren Effekt auf die AfD in Deutschland gehabt haben soll. Aber wie ist das zu bewerten? Handelt es sich um tatsächliche Medienmanipulation zugunsten der AfD, schlicht um Übertreibung eines PR-Strategen – oder etwas dazwischen?

Medienkampagne und AfD – Indiz für Manipulation?

Steve Bannon ist kein Unbekannter in Europa. Bereits 2018 kündigte er an, mit seiner Brüsseler Organisation „The Movement“ europäische Rechtsparteien im EU-Wahlkampf zu unterstützen. Sein Ziel: eine „rechtspopulistische Revolte“ in Europa und eine starke Fraktion nationalistischer Parteien im EU-Parlament. Dazu suchte er aktiv den Kontakt zu Rechtsaußen-Parteien – auch zur AfD. AfD-Co-Chefin Alice Weidel traf Bannon im März 2018 bei einer Veranstaltung in Zürich. Weidel bekundete Interesse an seinen Erfahrungen mit politischer Kommunikation und alternativen Medien. Offiziell gab sich die AfD-Führung zwar distanziert. Doch informelle Gespräche fanden statt, was zeigt, dass Bannons Medien-Know-how durchaus gefragt war.

Vor diesem Hintergrund wirkt Bannons stolz vorgetragener „French media blitz“ weniger abwegig. Wahrscheinlich bezieht er sich auf seine intensive PR-Kampagne in Frankreich kurz vor der Europawahl 2019, wo er versuchte, Marine Le Pens Rassemblement National zu unterstützen. Bannon war um diese Zeit tatsächlich in Europa unterwegs und stand u. a. in Paris und Cannes im Rampenlicht. Die erwähnte 1,5  % Steigerung dürfte auf interne Umfragen oder Prognosen anspielen: Tatsächlich lagen Le Pens Partei und die von Präsident Macron damals eng beieinander und Bannon berichtete Epstein stolz von französischen Zahlen („25,5 zu 23“) zugunsten der Rechtspopulisten. Seine Folgerung: Hochstimmung für die Rechte in Europa, die sich bis nach Deutschland auswirke, die AfD angeblich von 12  % auf 13  % gestiegen.

Vorsicht ist geboten

War das gezielte Medienmanipulation zugunsten der AfD? Bannon zumindest stellte es so dar. Der Ausdruck „media blitz“ impliziert eine orchestrierte Medienoffensive: etwa gebündelte Interviews, Provokationen in der Presse, vielleicht auch das Streuen zugespitzter Botschaften in sozialen Medien. Bannon ist bekannt für aggressive Medientaktiken. Er prägte den zynischen Leitsatz: „The real opposition is the media. And the way to deal with them is to flood the zone with shit“. Sinngemäß: Die Medien sind der eigentliche Gegner, und man muss sie mit Massen an Desinformation überschütten. Genau solch ein „Fluten der Zone“ könnte sein „French media blitz“ gewesen sein. Also eine bewusste Überflutung der Medienöffentlichkeit mit Narrativen, die das rechte Lager stärken sollen. Aus Bannons Sicht war das Ergebnis messbar: ein (wenn auch kleiner) Sprung der AfD in den Umfragen.

Allerdings ist Vorsicht geboten. 1 Prozentpunkt Unterschied liegt im Rahmen normaler Umfrageschwankungen. Es ist schwer belegbar, ob Bannons Zutun tatsächlich einen kausalen Effekt auf die AfD-Zahlen hatte oder ob er sich selbst gegenüber Epstein überspitzt darstellte, um Erfolg zu reklamieren. Aus der Politikwissenschaft wissen wir, dass Meinungsumfragen von vielen Faktoren beeinflusst werden. Ein gleichzeitiges Auftreten von Bannons Medienoffensive und einem AfD-Anstieg beweist noch keine Kausalität. Möglich, dass Bannon hier eher Eigen-PR betrieb, nämlich gegenüber Epstein, einem einflussreichen Netzwerker, dem er seine Nützlichkeit demonstrieren wollte.

Versuch einer politikwissenschaftlichen Einordnung

Unabhängig vom tatsächlichen Effekt offenbart Bannons Chatnachricht ein Phänomen, das politikwissenschaftlich hoch relevant ist: die transnationale Vernetzung rechtspopulistischer Akteure und deren grenzüberschreitende Medienstrategien. Hier agiert ein amerikanischer Kampagnenprofi in der deutschen politischen Sphäre, ohne offizielles Mandat, allein durch Medienpräsenz und Botschaften. Das erinnert an Konzepte wie „soft power“ oder informelle Wahlbeeinflussung. Zwar handelt es sich nicht um staatliche Intervention, doch parteiübergreifende Allianzen über Ländergrenzen hinweg können ebenfalls die öffentliche Meinung beeinflussen. Bannon versuchte gewissermaßen, als eine Art „Spin-Doktor ohne Grenzen“ aufzutreten. Also als ein Akteur, der durch PR-Taktik die politische Stimmung in anderen Demokratien zu Gunsten ideologischer Verbündeter verschieben will.

Aus demokratietheoretischer Sicht stellt sich die Frage, wie legitim oder problematisch solche Einflussnahmen von außen sind. In der Vergangenheit gab es immer wieder internationale Unterstützung für politische Bewegungen (man denke an sowjetische Unterstützung für kommunistische Parteien oder transatlantische Netzwerke konservativer Stiftungen). Bannons Vorgehen ist ein aktuelles Beispiel dieser Tradition. Dass ein US-Strippenzieher sich rühmt, die AfD gepusht zu haben, sollte uns dennoch alarmieren. Denn es nährt die Sorge vor gezielter Medienmanipulation, also dem Versuch, durch Beeinflussung der Berichterstattung und öffentlicher Debatten die demokratische Willensbildung zu verzerren. Es gilt jedoch, nüchtern zu analysieren: Handelt es sich hier um eine tatsächliche Unterwanderung des politischen Prozesses oder schlicht um einen lautstarken Propagandisten, dessen Einfluss begrenzt blieb?

Fakt ist: Bannon hatte in Europa mit strukturellen Hürden zu kämpfen. Viele Rechtsparteien wollten sich nicht öffentlich von einem Amerikaner dirigieren lassen. AfD-Vordenker Alexander Gauland wies Bannons „Supergruppen“-Pläne brüsk zurück („Wir sind nicht in Amerika“), und ein AfD-Sprecher betonte, man brauche kein Coaching von außerhalb. Ähnliche Töne kamen von Marine Le Pens Umfeld. Diese Zurückhaltung deutet darauf hin, dass Bannons Einfluss eher im Hintergrund wirkte.

Fazit

Die besagte Chatnachricht von Steve Bannon ist durchaus aufschlussreich. Sie belegt, dass Bannon zumindest glaubt (oder den Eindruck erwecken will), mittels gezielter Medienarbeit rechtspopulistische Parteien in Europa zu begünstigen. Ob dies tatsächlich als gezielte Medienmanipulation zugunsten der AfD im Sinne einer wirksamen Beeinflussung bezeichnet werden kann, bleibt umstritten. Einerseits haben Bannons Aktivitäten den Charakter einer bewussten Beeinflussung der öffentlichen Meinung – er nutzte Medien gezielt, um populistische Botschaften zu verstärken, was durchaus als Manipulationsversuch gesehen werden kann. Andererseits war der nachweisbare Effekt gering und möglicherweise zufällig. Die AfD gewann 2019 keine spektakulären Erfolge, sondern blieb im Rahmen der erwartbaren Ergebnisse.

Politikwissenschaftlich ist der ganze Vorgang „spannend“ und lässt sich als Beispiel für transnationale politische Kommunikation einordnen. Ein Akteur wie Bannon agiert über Staatsgrenzen hinweg, um Gleichgesinnte zu stärken. Für die demokratische Öffentlichkeit bedeutet Bannons „Medienblitz“ vor allem eine Mahnung, kritisch hinzuschauen: Wenn ausländische Akteure plötzlich Narrative in unseren Medien „boosten“, sollte man fragen, wem das nutzt und mit welcher Absicht. Im Falle von Steve Bannon zeigt sich, dass hinter griffigen Sprüchen wie „AfD 12 auf 13“ oft mehr Strategie als Substanz steckt und dass eine lebendige Demokratie solche Einflüsterungen zwar ernst nehmen, aber auch nicht überbewerten sollte.

Quellen

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