Wenn man einen Blick in die aktuellen Berichte unserer Stadtverwaltung wirft, könnte man erst einmal durchatmen. Denn die Personalsituation in unseren städtischen Kitas stellt sich auf dem Papier sehr solide dar. Rein rechnerisch fehlen nur wenige Stellen: Bezogen auf die tatsächlich belegten Plätze liegt der Fehlbedarf aktuell bei rund 1,5 Vollzeitäquivalenten, also bei weniger als einem Prozent. Auch insgesamt bewegen sich die unbesetzten Stellen im einstelligen Prozentbereich. Diese Zahlen lassen zunächst den Eindruck zu, dass die städtischen Kitas personell weitgehend ausreichend ausgestattet sind und die Betreuung grundsätzlich gesichert erscheint.
In der praktischen Realität erweist sich die Situation jedoch als deutlich angespannter. Schwangerschaften mit sofortigem Beschäftigungsverbot, krankheitsbedingte Ausfälle, verzögerte Inklusionsbewilligungen, Teilzeitdominanz bei Bewerbungen sowie kurzfristige Absagen von Bewerbenden führen dazu, dass selbst kleine rechnerische Defizite große organisatorische Auswirkungen haben. Hinzu kommen gestiegene Anforderungen durch Kinder mit hohem Betreuungsbedarf, zunehmende Belastungen der Mitarbeitenden und ein Personalschlüssel, der krankheitsbedingte Ausfälle strukturell nicht abbildet. Das Ergebnis ist ein Alltag, der trotz „guter Zahlen“ von hoher Anspannung, improvisierten Lösungen und eingeschränkter Verlässlichkeit geprägt ist.
Vor diesem Hintergrund erklärt sich auch, warum die Debatte um das neue Kinderbildungsgesetz (KiBiz) in Nordrhein-Westfalen derzeit so emotional geführt wird. Ich habe mir den Gesetzentwurf ebenso wie die deutlichen Warnungen von Fachverbänden genauer angesehen. Denn selbst wenn wir in Willich aktuell rechnerisch noch ausreichend Personal „in den Köpfen“ haben, plant die Landesregierung, die Spielregeln für die Arbeit in den Kitas grundlegend zu verändern.
Mein Eindruck ist dabei ein ernüchternder: Statt den Fachkräftemangel strukturell und nachhaltig zu bekämpfen, etwa durch bessere Rahmenbedingungen, realistischere Personalschlüssel oder Entlastung im Alltag, droht eine Absenkung des Betreuungsniveaus per Gesetz, um bestehende Lücken statistisch zu kaschieren. Das mag Zahlen kurzfristig schöner machen, löst aber keines der Probleme, die den Kita-Alltag vor Ort tatsächlich so herausfordernd machen.
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ToggleKern- und Randzeiten: Betreuung zweiter Klasse?
Einer der kritischsten Punkte der Reform ist die Einführung eines Kern- und Randzeitenmodells. Das klingt technisch, hat aber enorme Auswirkungen auf den Alltag in Schiefbahn, Anrath, Neersen und Alt-Willich:
Was geplant ist: In den „Kernzeiten“ (meist vormittags) soll der gewohnte pädagogische Standard gelten. In den „Randzeiten“ (früh morgens oder spät nachmittags) soll es jedoch möglich sein, Personal einzusetzen, das geringer qualifiziert ist.
Ich sehe das kritisch. Denn für Eltern, die auf Randzeiten angewiesen sind, bedeutet das im Klartext: Die pädagogische Qualität wird zeitabhängig. Ihr Kind bekommt morgens um 07:30 Uhr vielleicht nur noch eine „Aufsicht“, aber keine gezielte frühkindliche Bildung mehr. Das spaltet die Betreuungsqualität über den Tag hinweg.
Der Personalschlüssel: Mehr Kinder für die gleichen Köpfe
Auf die oft gestellte und berechtigte Frage, ob die gleiche Anzahl an Fachkräften künftig mehr Kinder betreuen muss, gibt der Gesetzentwurf eine beunruhigende Antwort durch die Hintertür: Die Flexibilisierung der Überbelegung.
Bisher war eine Überbelegung von Gruppen (also mehr Kinder pro Gruppe als eigentlich vorgesehen) streng reglementiert und musste vom Landesjugendamt genehmigt werden. Künftig soll das örtliche Jugendamt in Willich diese „nicht nur vorübergehende Überbelegung“ selbst absegnen können.
Die Folge: Da wir in Willich ohnehin einen Personalmangel haben, wird der Druck auf das Jugendamt steigen, Gruppen einfach voller zu machen. Das bedeutet für die Erzieherinnen: Mehr Stress, mehr Lärm, weniger Zeit für das einzelne Kind. Der Personalschlüssel wird faktisch verwässert.
Widerstand regt sich: Petitionen und Proteste
Ich bin mit dieser Skepsis nicht allein. In NRW formiert sich Widerstand. Es gibt bereits Petitionen (wie bei Campact), die davor warnen, dass dieses Gesetz den „Kollaps mit Ansage“ nur verwaltet, statt ihn zu verhindern. Auch die allgemeine Berichterstattung äußert sich doch eher kritisch darüber, dass die Verlässlichkeit auf Kosten der Qualität erkauft wird.
Wer trägt die Folgen?
- Für die Mitarbeiter: Die Erzieherinnen und Erzieher in Willich arbeiten schon jetzt oft über der Belastungsgrenze. Wenn nun die Gruppen voller werden und gleichzeitig weniger qualifiziertes Personal in den Randzeiten „aushilft“, steigt der Abstimmungsbedarf und der Stress für die Fachkräfte weiter an.
- Für die Eltern: Sie erhalten zwar vielleicht formal eine Zusage über Betreuungsstunden, müssen aber damit rechnen, dass diese Stunden qualitativ nicht mehr dem entsprechen, was wir uns für die frühkindliche Bildung in Willich wünschen.
- Für die Träger (Stadt & Vereine): Die Stadt Willich muss entscheiden, ob sie die Verantwortung für überbelegte Gruppen übernimmt.
Wir dürfen Qualität nicht opfern!
Als SPD haben wir in der Vergangenheit immer wieder betont, dass Bildung in der Kita beginnt. Die geplante Reform wirkt jedoch wie ein verzweifelter Versuch, den Fachkräftemangel durch das Absenken von Standards unsichtbar zu machen.
Wir werden uns vor Ort dafür einsetzen, dass Willich nicht zum Schauplatz einer „Betreuung Light“ wird. Wenn das Land die Standards senkt, müssen wir vor Ort umso genauer hinschauen, was das für das Wohl der Kinder und die Gesundheit unserer Mitarbeiter bedeutet.
Was folgt jetzt?
Der Entwurf geht nun in die finale Phase im Landtag. Wir werden die kommenden Sitzungen in Willich nutzen, um abzufragen, wie unsere Verwaltung dieses „Randzeitenmodell“ konkret umsetzen will. Wir müssen verhindern, dass die finanzielle Entlastung des Landes durch schlechtere Bildungschancen für unsere Kinder erkauft wird.
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