PFAS im Grundwasser sind kein abstraktes Umweltthema. Nicht irgendwo. Sondern hier bei uns in Willich. In einem Bereich, aus dem wir unser Trinkwasser gewinnen. Für tausende Menschen, für Familien und Kinder. Und in den letzten Wochen hat dieses Thema bundesweit für Schlagzeilen gesorgt.
Stand: 08.02.2026
Ich aktualisiere diesen Artikel regelmäßig, sobald neue Informationen vorliegen.
In den vergangenen Monaten habe ich mich intensiv mit diesem Thema beschäftigt. Politisch. Fachlich. Und inzwischen auch aus direkter Verantwortung heraus, weil ich in den Aufsichtsgremien der Wasserversorgung Willich GmbH, des Wasserwerks Willich und der Stadtwerke Willich sitze. Je tiefer man in diesen Fall einsteigt, desto klarer wird: Was hier passiert ist, lässt sich nach allem, was heute bekannt ist, nicht als bloßer Betriebsunfall erklären. Es ist das Ergebnis von verantwortungslosem Handeln einzelner Personen.
Gleichzeitig sehe ich es als Aufgabe, nüchtern zu erklären, was heute gilt, was getan wird und was das konkret für die Bürgerinnen und Bürger in Willich bedeutet.
Inhaltsverzeichnis
ToggleWas PFAS sind und warum sie so problematisch sind
PFAS sind per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen. Eine große Stoffgruppe industriell hergestellter Chemikalien. Sie sind extrem langlebig. Sie bauen sich kaum ab. Genau deshalb werden sie oft als Ewigkeitschemikalien bezeichnet.
PFAS wurden unter anderem in Feuerlöschschäumen eingesetzt, weil sie besonders effektiv sind. Das Problem beginnt dort, wo diese Stoffe unsachgemäß gelagert, verarbeitet oder entsorgt werden. Gelangen sie in den Boden, können sie sich über Jahre und Jahrzehnte im Grundwasser ausbreiten. Das ist kein theoretisches Risiko, sondern genau das, womit wir es in Willich zu tun haben.
Der Ursprung der Belastung in Willich und Umgebung
Im Kreis Viersen gibt es mehrere PFAS-belastete Standorte. Für Willich sind zwei besonders relevant. Die folgenden Infos stammen aus einem Bericht über PFAS-Belastungen im Kreis Viersen vom NRW-Umweltministerium.
Altstandort Lerchenfeldstraße in Anrath
In der Lerchenfeldstraße in Anrath befand sich über Jahre hinweg ein Feuerlöscher-Zerlegebetrieb. Dort wurden auch Schaumlöschmittel verarbeitet. Nach heutigem Kenntnisstand ist von diesem Standort eine PFAS-Fahne ins Grundwasser ausgegangen. Diese Fahne wurde erst Jahre später entdeckt. Nicht, weil niemand hingeschaut hat, sondern weil PFAS lange Zeit schlicht nicht systematisch untersucht wurden.
Paradoxerweise teilte die Staatsanwaltschaft Krefeld dem Kreis Viersen am 31.07.2017 mit, dass ein Verfahren nach § 153 StPO eingestellt wurde. Denn bereits 2014 gab es aufgrund des Verdachts auf eine illegale Einleitung flüssiger PFAS-haltiger Feuerlöschmittel in die Kanalisation eine Strafanzeige wegen unerlaubten Umgangs mit Abfällen.
Bis zur endgültigen Betriebsaufgabe des Feuerlöscher-Zerlegebetriebs in 2017 sei der Betrieb seitens des Kreises Viersen in engen Abständen kontrolliert und die ordnungsgemäße Entsorgung der PFAS-haltigen Löschschäume begleitet worden. Hinweise auf Boden- oder Gewässerverunreinigungen durch PFAS hätte es zu diesem Zeitpunkt nicht gegeben.
Was ist eine PFAS-Fahne? Eine PFAS-Fahne bezeichnet die räumliche Ausbreitung von PFAS-belastetem Grundwasser, das sich vom ursprünglichen Schadensort aus mit der natürlichen Fließrichtung des Grundwassers fortbewegt. Sie ist nicht sichtbar, lässt sich aber durch Messungen nachweisen und kann sich über große Entfernungen erstrecken.

Ende 2023 wurden im Rohwasser der Wassergewinnung Darderhöfe erstmals erhöhte PFAS-Werte festgestellt. In einem Brunnen lagen sie zeitweise deutlich über dem künftigen Grenzwert der Trinkwasserverordnung. Spätestens hier war klar: Das ist ein ernstzunehmender Umweltschaden.
Feuerlöscher-Zerlegebetrieb an der Virmondstraße in Neersen
Parallel dazu spielte ein weiterer Betrieb in Neersen eine Rolle. Dort wurden entgegen der Genehmigung über Jahre auch Schaumlöschmittel angenommen und gelagert. Behörden haben den Betrieb stillgelegt, durchsucht und große Mengen PFAS-haltiger Stoffe entsorgen lassen.
Was mich persönlich besonders fassungslos macht: Dieses Handeln war kein Versehen. Es war kein einmaliger Fehler. Es war ein systematisches Ignorieren von Regeln, von Umweltstandards und letztlich von Verantwortung gegenüber der Allgemeinheit.
Die 5 wichtigsten Erkenntnisse aus dem Umweltministerium
- Im Grundwasser bei Willich-Anrath wurde eine PFAS-Fahne nachgewiesen.
- Ursache ist sehr wahrscheinlich ein früherer Feuerlöscher-Zerlegebetrieb.
- Trinkwasser bleibt nur durch Abschaltung von Brunnen und Filtertechnik unauffällig.
- Eine Aktivkohle-Filteranlage sichert die Grenzwerte, beseitigt aber nicht die Quelle.
- Der Fall zeigt das Ausmaß illegaler Entsorgung von PFAS-haltigem Löschschaum.
Der Gerichtsprozess: Recht gesprochen, Fragen bleiben
Der Strafprozess um den illegal entsorgten Löschschaum fand vor dem Amtsgericht Krefeld statt. Angeklagt waren drei Männer im Alter von 35, 46 und 67 Jahren aus Mönchengladbach und Kempen.
Die Vorwürfe
Die Staatsanwaltschaft warf den Angeklagten vor, über Jahre hinweg tonnenweise PFAS-haltige Löschmittel ohne Genehmigung angenommen, gelagert, behandelt und entsorgt zu haben. Dabei handelte es sich um sogenannte Ewigkeitschemikalien mit langfristigen Umweltfolgen.
Nach Überzeugung des Gerichts wurde der Löschschaum nicht vollständig sachgerecht entsorgt. Ein Teil gelangte in Boden und Grundwasser. Betroffen waren unter anderem Standorte in Willich und eine angemietete Scheune im Kreis Viersen, in der rund 25 Tonnen Schaum-Feuerlöscher und etwa 40 Tonnen PFAS-belastete Löschmittel lagerten.
Die Urteile
Der 35-jährige Angeklagte wurde freigesprochen. Nach Auffassung des Gerichts konnte ihm keine strafrechtlich relevante Verantwortung nachgewiesen werden.
Dagegen wurde der 67-jährige Firmeninhaber eines Willicher Feuerlöscher-Entsorgungsbetriebs wegen schwerwiegender Umweltstraftaten zu zwei Jahren Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt. Zusätzlich verhängte das Gericht ein dreijähriges Berufsverbot.
Der 46-jährige Mitarbeiter erhielt ebenfalls eine Bewährungsstrafe von zwei Jahren sowie ein dreijähriges Berufsverbot.
Beide Verurteilten hatten sich im Prozess geständig eingelassen. Sie räumten ein, illegal Löschschaum angenommen zu haben. Gleichzeitig versuchten sie, Verantwortung teilweise auf Dritte abzuwälzen, etwa auf Fahrer oder externe Entsorger. Das Gericht folgte dieser Argumentation nur eingeschränkt.
Forderungen der Staatsanwaltschaft
Die Staatsanwaltschaft hatte deutlich härtere Strafen gefordert. Für die beiden Hauptverantwortlichen beantragte sie Freiheitsstrafen von jeweils zwei Jahren und sechs Monaten sowie dauerhafte Berufsverbote. Begründet wurde dies mit dem langen Tatzeitraum von rund vier Jahren und einer hohen kriminellen Energie.
Das Gericht blieb unter diesen Forderungen. Strafmildernd wirkten die Geständnisse der Angeklagten. Gleichzeitig stellte das Gericht ausdrücklich fest, dass die Umweltschäden langfristig und kostenintensiv sind und ihre vollständigen Auswirkungen noch gar nicht absehbar seien.
Politische Einordnung
Das Urteil ist nach meinem Kenntnisstand noch nicht rechtskräftig. Den Verurteilten steht das Rechtsmittel der Revision offen. Politisch und gesellschaftlich bleibt jedoch ein schaler Beigeschmack. Denn während die Verurteilten Bewährungsstrafen erhielten, tragen die Folgekosten der Wasseraufbereitung, der Filteranlagen und der Überwachung heute die Allgemeinheit und die Verbraucherinnen und Verbraucher. Die Trinkwasserpreise in Willich sind unter anderem deshalb gestiegen.
Aus meiner Sicht bleibt deshalb eine zentrale Frage offen: Ob das geltende Umweltstrafrecht der Tragweite solcher Fälle noch gerecht wird, wenn Schäden an der Trinkwassergewinnung ganzer Städte entstehen.
Chronik: PFAS-Belastung in Willich – die wichtigsten Ereignisse
Vor 2017
In Willich und Umgebung werden über Jahre hinweg Feuerlöscher zerlegt. Dabei werden auch Schaumlöscher angenommen, die PFAS-haltige Löschmittel enthalten. Ein Teil dieser Stoffe wird nicht ordnungsgemäß entsorgt.
2017
Der Feuerlöscher-Zerlegebetrieb an der Lerchenfeldstraße in Willich-Anrath stellt seinen Betrieb ein. Zu diesem Zeitpunkt ist die PFAS-Belastung im Untergrund noch nicht öffentlich bekannt.
2014 bis 2020
Nach späteren Ermittlungen werden in diesem Zeitraum PFAS-haltige Löschmittel illegal angenommen, gelagert und entsorgt. Teilweise gelangen sie über Abwasserkanäle in Boden und Grundwasser.
Januar 2020 bis Juni 2024
Zwei der später verurteilten Männer nehmen tonnenweise PFAS-haltigen Löschschaum ohne Genehmigung an. Ein Teil wird unsachgemäß behandelt oder nur teilweise entsorgt. Große Mengen werden zwischengelagert, unter anderem in einer Scheune im Kreis Viersen.
2023
Bei vorsorglichen Kontrollmessungen der Stadtwerke Willich werden erstmals erhöhte PFAS-Werte im Rohwasser der Wassergewinnung Anrath festgestellt. Besonders betroffen ist ein Brunnen im Bereich der Darderhöfe.
Ende 2023
Die Stadtwerke reagieren sofort. Belastete Brunnen werden gedrosselt oder vom Netz genommen. Die Förderstrategie wird angepasst, um weiterhin unbedenkliches Trinkwasser liefern zu können.
2024
Kreis Viersen, Bezirksregierung Düsseldorf und weitere Fachbehörden beginnen mit einer systematischen Untersuchung der Belastung. Der Zusammenhang mit illegal entsorgtem Löschschaum wird konkret.
2024 bis 2025
Die Stadtwerke planen und errichten eine zentrale Aktivkohle-Filteranlage, um PFAS aus dem Rohwasser zu entfernen und die künftigen Grenzwerte der Trinkwasserverordnung sicher einzuhalten.
Januar 2026
Das Amtsgericht Krefeld spricht Urteile im Strafverfahren wegen illegal entsorgten Löschschaums. Gleichzeitig berichten Medien über steigende Trinkwasserpreise infolge der notwendigen Investitionen in die Wasseraufbereitung.

Unser Wasserwerk reagierte nach dem Bekanntwerden der PFAS-Belastung sofort. Besonders belastete Brunnen wurden gedrosselt oder vorübergehend außer Betrieb genommen. Die Förderstrategie wurde angepasst. Und es wurde eine technische Lösung auf den Weg gebracht, um dauerhaft sicherzustellen, dass das Trinkwasser die gesetzlichen Vorgaben einhält.
Grenzwerte, Zuständigkeiten und Verantwortung
Ab Januar 2026 gilt bundesweit ein Grenzwert von 100 Nanogramm pro Liter für die Summe von 20 PFAS-Stoffen im Trinkwasser. Zusätzlich kommen weitere strengere Vorgaben in den nächsten Jahren hinzu.
Für die Bewertung vor Ort ist das Gesundheitsamt des Kreises Viersen zuständig. Es arbeitet dabei eng mit dem Umweltbundesamt, den Landesbehörden und den Wasserversorgern zusammen. Wichtig ist: Diese Grenzwerte gelten für Trinkwasser, nicht für das Rohwasser im Boden.
Nach aktuellem Stand liegen die Werte im Willicher Trinkwasser unter den geltenden Grenzwerten. Das wird regelmäßig überprüft und dokumentiert.
Die Aktivkohle-Filteranlage
Ein zentraler Baustein ist der Bau einer Aktivkohle-Filteranlage an der Wassergewinnung Anrath. Aktivkohle ist ein bewährtes Verfahren zur Entfernung von PFAS aus Wasser.

Dabei ist mir eine ehrliche Einordnung wichtig. Die Anlage ist so ausgelegt, dass sie die bekannten PFAS-Verbindungen im Rohwasser zuverlässig reduziert und die gesetzlichen Grenzwerte im Trinkwasser einhält. Sie ist kein Allheilmittel, das jede denkbare PFAS-Verbindung vollständig eliminiert. Aber sie ist der technisch richtige und verantwortungsvolle Schritt, um die Trinkwasserversorgung dauerhaft zu sichern.
Als Aufsichtsratsmitglied sehe ich, wie intensiv diese Fragen fachlich diskutiert werden. Hier wird nichts beschönigt. Hier wird sauber geplant, kontrolliert und nachjustiert.
Was das für Haushalte konkret bedeutet
Für die Bürgerinnen und Bürger in Willich gilt aktuell:
- Das Trinkwasser kann genutzt und getrunken werden.
- Es gibt keine behördliche Warnung oder Einschränkung.
- Die Wasserqualität wird engmaschig überwacht.
Anders sieht es bei privaten Garten- oder Brunnenanlagen aus. Wer eigenes Brunnenwasser nutzt, sollte vorsichtig sein und sich beim Kreis Viersen informieren. Hier gelten andere Voraussetzungen als bei der öffentlichen Trinkwasserversorgung.
Bei individuellen Fragen etwa in sensiblen Lebenslagen empfiehlt sich eine Rücksprache mit dem Gesundheitsamt des Kreises Viersen.
Wie es jetzt weitergeht
Die Ermittlungen zur genauen Ausbreitung der PFAS-Fahnen laufen weiter. Ebenso die bodenschutzrechtlichen Bewertungen. Ziel ist es, den Schaden einzugrenzen und langfristige Sanierungsstrategien zu entwickeln.
Parallel dazu wird die Filteranlage in Betrieb gehen und dauerhaft betrieben. Das kostet Geld. Ja. Aber es ist notwendig. Die Alternative wäre Untätigkeit. Und die halte ich für keine Option.
Fazit
Einzelne haben durch ihr Handeln einen erheblichen Umweltschaden verursacht. Das ist kein Kavaliersdelikt. Gleichzeitig ist es wichtig, Vertrauen zu schaffen, in die Arbeit der Behörden und die Wasserversorgung. Es beruhigt, dass Probleme nicht unter den Teppich gekehrt, sondern proaktiv angegangen werden.
Ich werde dieses Thema weiter begleiten und versuchen, es möglichst objektiv einzuordnen. Denn eines ist klar: Trinkwasser ist kein beliebiges Gut. Es ist die Grundlage unseres täglichen Lebens. Und genau so muss damit umgegangen werden.
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